21. Mai 2022

Scheene Gschichte

Jürgen Friese

Kommentare

Scheene Gschichte

Gottseidank gibt’s die a noch in derre besch…. Zeit. Neilich habbe in de BNN
voneme Ehepaar glese, die grad ihre “Eiserne Hochzeit” gfeiert hen. Er isch
fünfeachtzig un sie neunzig Johr alt un sin scho fünfesechzig Johr mitenanner
verheiratet. Fünfesechzig Johr, fascht e ganzes Menschealter !
Lang binne vor dem Artikel gsesse un habb mer ausgmolt, was die baide in ihrem
Lebe scho alles hen durchmache müsse.
Un dann isch mer mei Gschicht aus unserem erschte gemainsame Buch ausem
Johr 1999 “Goldlack und TIPOTA” eigfalle, wasse zusamme mit meinere Freundin
Judith Rimmelspachergschriebe habb:


Schön, die Beiden
Neulich bin ich auf der Südtangente in Richtung Innenstadt gefahren. Ein vor mir auf der
linken Fahrspur fahrender uralter, gepflegter Mercedes Benz der Baureihe 128 und bestimmt
schon an die dreißig Jahre alt, zwang mich, meine Geschwindigkeit drastisch zu reduzieren. Der
Fahrer machte, obwohl er mich im Rückspiegel gesehen hatte, nicht die geringsten Anstalten,
schneller zu fahren oder auf die rechte Fahrbahnseite zu wechseln. Ich hatte es, wie immer, be-
sonders eilig. Nach rechts ausweichen und vorbeifahren konnte ich jetzt auch nicht mehr, der
dichter werdende Verkehr hinderte mich daran. Nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad her-
umtrommelnd, zuckelte ich verärgert und innerlich fluchend hinter dem alten Benz her.
Ich wollte mir diesen Trottel dort vorne, der da „Zugles“ spielt und die linke Fahrbahn blockiert,
doch genauer ansehen und bin ziemlich dicht aufgefahren. Am Steuer saß ein kleiner, alter Mann
mit schneeweißen Haaren. Er konnte kaum über das große Lenkrad hinweg auf die Straße blik-
ken. Auf dem Beifahrersitz saß eine Frau, mit denselben weißen Haaren, die sie zu einem Kno-
ten am Hinterkopf zusammengesteckt hatte. Ich mußte an Oma denken, sie hatte ihr Haar
ebenfalls so getragen. Die Schimpfworte, die mir schwer auf der Zunge lagen, schluckte ich hin-
unter. Auf einmal hatte ich es nicht mehr so eilig.
Während der weiteren Fahrt beobachtete ich die Beiden, die sich angeregt unterhielten. Sie
blickten sich dabei immer an. Ich schätzte ihn auf Anfang der Achtzig, sie war vielleicht zwei
Jahre jünger. Schön, daß sie in ihrem Alter noch gesund leben dürfen. Das ist heutzutage nicht
mehr so selbstverständlich. Sie haben in ihrem langen Leben bestimmt schon viel durchmachen
müssen: die schwereJugend nach dem ErstenWeltkrieg,dann die NS-Zeitunter Hitler, der Zweite 

Weltkrieg, der Zusammenbruch des sogenannten „Tausendjährigen Reiches“, das Kriegsende,
vielleicht sogar Vertreibung oder Kriegsgefangenschaft, die schweren Aufbaujahre nach dem
Krieg – eine ganz normale Biographie jener Deutschen, die während oder kurz nach dem Ersten
Weltkrieg in dieses Land hineingeboren wurden.
Irgendwann dazwischen haben sich die Beiden gefunden, haben geheiratet und Kinder bekommen,
die sie, mit großen Hoffnungen auf bessere Zeiten, so gut, wie es ihnen eben möglich war, groß-
gezogen haben. Heute sind sie Großeltern, vielleicht sogar schon Urgroßeltern. Das Schicksal hat
es gut mit ihnen gemeint, hat sie zusammen alt werden und keinen vorzeitig wegsterben lassen.
Viel zu selten heutzutage. Wieder mußte ich an Oma denken. Sie war, als Opa im Juni 1951
starb, vierundfünfzig und ich, der bei ihnen aufwuchs, war gerade einmal sieben Jahre alt.
Mit diesen Gedanken an die beiden alten Leutchen dort im Auto vor mir ist eine seltene und auch
seltsame Ruhe in mir eingekehrt. Ich hatte noch nicht einmal bemerkt, daß die rechte Fahrspur
inzwischen fast leer geworden war. Der Blick in den Rückspiegel zeigte mir, daß wir die beiden
einzigen Fahrer auf der linken Seite waren.
Irgendwann ist dann der alte Benz aus der 128 er Baureihe mit seinen noch viel älteren und zu
ihm passenden Insassen abgebogen. Ich habe ihnen lange nachgeblickt.
Schön, die Beiden.

4 Kommentare

  1. Angelika

    Goldich, richdich goldich …

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  2. Karlheinz Becker

    Oifach schee mit denne bzw. die Gedanke iwer die zwoi!!
    Mit ein Grund zur eigenen Besinnung!!
    Wenn man dazu fähig sein sollte??

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  3. Judith Rimmelspacher

    Ja so sinse Dei ‚Gschichte, lieber Jürgen, lebensecht un herzerwärmend.
    Des brauche mer alle in derre gegewärtige Eiszeit. Ich hoff, dass des
    viele Ehe- un Liebespaare lese. Des isch net selbschtverständlich,
    dass mer so lang beinanner bleibe derf….

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  4. Petra RieBüh

    Was für e scheene G’schicht!

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