8. Juni 2022

Ein Bericht über den Sprochrenner, von Edgar Zeidler

Thomas Heitlinger

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Der Sprochrenner

Gestartet wurde der erste elsässische Sprochrenner zugunsten „der elsässischen Kultur und Regionalsprache“ am Samstag 4. Juni 2022 im St. Johanns-Park Basel mit einem Prolog, organisiert von Hans-Jörg Renk und den „Elsass-Freunde Basel.“
Um 11.30 Uhr wurde im Kulturzentrum Kesselhaus das „Oberrheinische Sprachensymposium“ durch Wolfgang Dietz, OB von Weil-am-Rhein, offiziell eröffnet, nachdem Daniel Muringer Vertonungen von Haikus von Lina Ritter wie, Worum trennt uns e Rhi?, vorgetragen hatte. Dietz äußerte sich vor ca. 60 Zuhörern locker in Alemannisch. Seine Riesenfreude am Sprochrenner dabei zu sein illustrierte er mit folgenden Worten: „Mir müen Brucke baue, mir müen zammeku!“ Mit „Brucke“ meinte er vor allem den gemeinsamen Dialekt.
Moderator Stephan Lüthi (EFB), der mit Können und Überzeugung durch das Programm führte, bat dann Gérard Leser, Dichter, Historiker und Volkskundler, Markus Moehring, Leiter des Dreiländermuseums, sowie Marianne von Grünigen, ehem. Diplomatin, auf die Bühne. Alle drei beleuchteten überzeugend auf ihre Weise das Thema „Was uns vereint.“ Eine starke Symbolkraft sah Leser bei René Schickele: „Das Land der Vogesen und das Land des Schwarzwaldes waren wie die zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches – ich sah deutlich vor mir, wie der Rhein sie nicht trennte, sondern vereinte, indem er sie mit seinem festen Falz zusammenhielt.“
Das Rundtischgespräch zum Thema „Dialekt und Hochdeutsch“ führten Markus Manfred Jung, Edgar Zeidler und Markus Gasser, Literatur-Redaktor beim SRF. Jung illustrierte das Thema mit einer Glosse, E himmlischi Unterhaltig. Darin fragt der Basler Ruedi Petrus, wie er mit dem Hüninger Rudolphe und dem Weiler Rudolf, mit denen er das Zimmer im Paradies teilen soll, „schwätze“ soll.
Dütsch han i jo in de Schuel läse glehrt, gschwätzt han i das aber nie. Französisch verschtand i jo, aber nit, wenn s en Elsässer Waggis schwätzt. Un wenn i uf Schwiizerdütsch chumm, do lacht sich de Schwob ein ab un sait, i wär e Chünggelibuur.“ Da die zwei Anderen Ähnliches von sich geben,
und deswegen der verzweifelte Petrus jedem eine Einzelzelle geben will, goht uf eimool de Himmel uf, un e gwaltigi Stimm dundret: „Schwätzet grad eso wie jetz, no verschtöhnt er euch, ihr Huetsimpel, un ii euch au. Amen!“
Zeidler äußerte sich dreisprachig und sah im Verhältnis Dialekt-Deutsch einen „Bruderzwist“, der seit 1870 andauert. Seine historisch und literarisch belegte Darlegung hatte insbesondere diejenigen im Visier, die im Elsass dauernd von „Zweisprachigkeit“ reden und dabei Elsässisch lediglich als mündliche Form des Hochdeutschen anerkennen, einer Problematik, die er mit dem Gedicht, Elsassisch ìsch kè Sproch, illustrierte. Markus Gasser erklärte wie Schweizerdeutsch nach den zwei Weltkriegen zum Identifikationsfaktor der neutralen Schweizer schlechthin wurde. Er betonte auch die Lebendigkeit einer Sprache, die sich dauernd anpasst und modernen Trends (Anglizismen, SMS) nicht verschließt.
Zum Thema, „Die elsässischen Dialekte – Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven“ erzählte Brigitte Moog, Präsidentin des GTR („Groupement de Théâtre du Rhin“) in ihrem fränkischen Dialekt wie 234 Theatergruppen, darunter 40 Kindertruppen, Elsässisch am Leben erhalten. Véronique Ueberschlag, Lokalradio-Moderatorin, in elsässischer Tracht erschienen, betrachtet es als ihre Pflicht, „s Gschank vo de Eltre witterscht ze ga.“ Und Daniel Adrian gab einen Einblick, wie Politiker Initiativen zur Förderung der Regionalsprache unterstützen können. Christelle Willer, Vize-Präsidentin der Großregion und neue Präsidentin des Elsässischen Sprachamts (OLCA), gab sich größte Mühe, Teile ihres Referats „Was tut das OLCA für die elsässischen Dialekte?“, auf Elsässisch vorzutragen.
Das Thema „Das Elsässische im Alltag“ wurde mit Zeugnissen aus dem Familienleben von Bénédicte Keck, Schauspielerin und OLCA-Mitarbeiterin, ihrem Gatten, Adrien Fernique, Übersetzer und Kulturvermittler sowie Jean-Christophe Meyer, Dichter und Journalist, illustriert. Die zwei befreundeten Familien sind wahre Hoffnungsträger fürs Elsässische, da ihre vier Kinder sich auf Elsässisch unterhalten und spielen…
Markus Manfred Jungs Schlusswort konnte treffender nicht sein: „Mir han zeigt, ass mir zammegheere.“

E. Zeidler

 

 

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