13. Juli 2021

Ausgebüxt

Irmtraud Bernert

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Ausgebüxt

Endlich Sommer im Städtle. Endlich unnerm bunte Sonneschirm im Tiziano sitze und Leut gugge, weil Gott sei Dank sieht mer widder welche. Ich hätt im Lewe net denkt, dass ich se mol so vermisse tät. Ach, endlich die neue Sommerfreiheit spüre! Obwohl: so arg müsst de Planet jetzt net glei widder üwwertreibe. Sogar unner dem Sonneschirm staut sich die Hitz, dass oim de Kopf ganz rammdösich werd.
Noi, net scho widder rumkrittle – s’isch alles gut so, wie’s isch!
„Derfe mer uns zu Ihnen setze? In der Sunn ischs oifach zu warm!“ Vor mir stehe zwei alte Dame un gugge erwartungsvoll. Beide b’stimmt scho hoch in de Achtziger, wenn net sogar in de Neunziger. Awwer wirkliche Dame: wohlondulierte Silwerlöckle mit ere Nuance altrosa, des sich au in de Garderob widderfindt, zumindescht in dem wattierte Jäckle von de eine.

Ich mag  des beherzte Ansinne net ausschlage un sag:“ Ja wenn sie beide koine Probleme demit hen, dann gern!“. Mit dezent irritiertem Blick wird mei Angebot akzeptiert. Sofort stürzt e Bedienung zu meinere „Rettung“ herbei un frogt beflisse, ob mir des au recht  sei. „Koi Problem, beteuer ich großherzig- schließlich sin mir alle mitnanner doch sicher geimpft?“  Widder en leicht irritierter Blick aus zwei Augepaare – von eme vage Kopfnicke begleitet. „ Ja, muss mer denn jetzt sage, ob mer geimpft isch?“ hör ich die eine de annere zuflüschtere. Dann wendet mer sich de Bestellung zu. „Leonore, was nemmsch en du?“ „Ach, weisch, Adelheid, ich brauch ebbes, was de Kreislauf hebt. Ich nemm e Gläsle Rotwei!“ „ Dann nemm ich das au! – Weisch, Leonore, früher heb ich nie Rotwein trinke derfe!“
Leonore indigniert: „Ja warum denn net?“ „ Weil ich dann immer de Dremens kriegt heb!“ kommt von de Adelheid. „Ach, mei Liewe, do musch dir heut koine Sorge mache, du hasch doch dein vierrädriger Kerle debei!“ kontert d’Eleonore unbekümmert un zeigt uff de Rollator nebem Disch.
Derweil hat d’Bedienung die B’stellung notiert: zwei Gläser Spätburgunder. Ich versuch mer grad vorzustelle, was en so schwere Rotwei mit meim sommersonneschwere Kopf anstelle tät un üwwerleg, ob ich net warnend ei’greife sollt un statt desse zu eme Schorle rate. Ich lass es awwer bleiwe un bin hinnerher froh drum.

Die Leonore nemmt nämlich grad ihre Freundin ins Gebet: „Adelheid, des derfe mer awwer niemand verzehle, sonscht derfsch du des nie widder mache – oder nur noch z’samme mit deim Sohn!“ „Des wär jo noch schlimmer!“ kontert Adelheid wie aus de Pischtol g’schosse.
Inzwische fülle se ihre Kontaktzettelen aus un üwwerlege, ob de Namensgeber vom Wohnstift jetzt mit /f/ odder mit /ph/ g’schriwwe werd. Vor meim innere Aug ensteht die Szene, wie die zwei Dame zielstrewig un beherzt aus ihr’m Wohnstift ausbüxe – un mir wird ganz warm ums Herz.
D’Eleonore wendet sich an mich un zeigt sich erstaunt, dass so viele Leut unnerwegs sin. Ich sag, dass des für mich koi Wunner sei, wo doch alle Lokale so lange Zeit g’schlosse ware. Des könne die zwei net fasse: „Alles g’schlosse? Noi, do defu hen mir nix g’hört. Wisse Se, solche Sachen kriege mir bei uns net mit!“
S’gebt se also doch noch, die Insel der Glückselige, denk ich mit eme Schmunzle und verabschied mich herzlich von dene beide unnernehmungsluschtige Dame.
Im Stille drück ich die Daume, dass die sicherlich leicht beschwipste Heimkehr ins Heim problemlos und unentdeckt vonstatte geht.
Schee, dass’z im Alter grad widder so isch, wie in de Jugend: e bissle üwwer d’Sträng schlage macht s’Lewe oifach lebenswerter.

(Genauso hat sich des am 26.Juni in Eddlinge zugetrage!)

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