27. Mai 2022

70 Jahre Baden-Württemberg, ein Essay von Thomas Heitlinger

Thomas Heitlinger

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70 Jahre Baden-Württemberg

Stand: 31.05.2022

Autor: Thomas Heitlinger © 2022

Nachdem ich im Jahr 1964 in Eppingen das Licht der Welt erblickte, war ich in meiner Kindheit im tiefen Kraichgau nie in der Not, mir über die Herkunft, die Geschichte oder die Zukunft des Bundeslandes Baden-Württemberg wirklich bewusste Gedanken zu machen. Die Kreisreform 1973 ging im Alter von 9 Jahren unbemerkt an mir vorbei, die Frage von Identität und Zugehörigkeit blieb davon auch weitgehend unberührt. Denn trotz veränderter kommunaler Zuordnungen und Verschiebungen blieben die sozialen Zugehörigkeiten in Verein, kirchlichen oder sozialen Strukturen unverändert davon bestehen und badisch ausgerichtet.

Erst im Zusammentreffen von übergeordneten Strukturen wie der Berufsschule, dem Finanz- oder dem Kreiswehrersatzamt in Heilbronn wurde klar, dass entgegen der kulturellen oder auch wirtschaftlichen badischen Ausrichtung die landespolitischen Wege eine andere Zuständigkeit vorgesehen hatten. Und dort traf man erstmals auf eine zugegebenermaßen hocheffizient organisierte württembergische Verwaltung, die mit den badischen Hungerleidern aus dem Kraichgau wenig anfangen konnte und dies auch offen zur Schau stellte.

Gleichermaßen musste ich auf meinem späteren Weg Richtung Karlsruhe ähnlich erstaunt zur Kenntnis nehmen dass man dort keineswegs unfroh war, diese strukturschwachen Anhängsel der Kurpfalz im Landkreis Karlsruhe an das Württemberger Land verloren zu haben.

Wie auch insgesamt diese Strukturschwäche bis heute anhält. Programme für den ländlichen Raum wie z.B. das europäische LEADER sind nur punktuell und rein auf die Infrastruktur bezogen ausgelegt. Kulturell-übergreifende Projekte sind von diesen Programmen ausdrücklich ausgenommen.

Auch war die Zeit in Karlsruhe bis zum heutigen Tage geprägt von einer eigenartigen Charakteristik der Verwaltung(en). Bereits Baron von Reitzenstein sprach vor 200 Jahren bei seinen Verhandlungen zum Großherzog Baden mit Napoleon davon „…ich kenne die unendliche Langsamkeit in Karlsruhe. Dort schläft man nur gut, wenn man auf morgen verschoben hat, was man heute hätte beenden sollen“.

Auf meinen weiteren Wegen durch die Metropolen Karlsruhe, Freiburg, Heidelberg, später auch mit nach Stuttgart oder Heilbronn konnte ich immer nur eine regionale, jedoch gut ausgeprägte Identität wahrnehmen. Ein Bewusstsein eines gemeinsamen Baden-Württembergs mit einer einheitlichen DNA habe ich bis heute nicht gefunden

So zeigt sich bis heute die gefühlte Lage in diesem Land Baden-Württemberg. In dem Mundartbuch „Gnitz“ aus dem Jahre 2006 wird die Geschichte einer Städtepartnerschaft.zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen erzählt, die nur mühsam zusammenfinden und die Geschichte endet mit der Empfehlung im Sinne der Völkerverständigung weitere solche Partnerschaften zu etablieren. Nämlich von Partnerschaften zwischen zwei Städten, in Baden- und Württemberg.

Dies führt unmittelbar zur Fragestellung, wo dieses Land Baden-Württemberg überhaupt stattfindet. Die Antwort ist einfach zu finden: Wenn dann in der Landeshauptstadt zu Stuttgart, einer Region die gut ausgestattet sich selbst genug ist.

Eine Bestätigung dieser Situation ergab sich im Rahmen der Mundart-Initiative im Jahr 2018. Nicht nur das Verhältnis zwischen Schwaben und Baden mit gefühlt 90% zu 10% war eigenartig. Die Vertreterin des Rundfunks wies die badischen Vertreter darauf hin, dass es sie als eigenständige kulturelle Gruppe gar nicht gibt. Und auch in den späteren Gesprächen am runden Tisch in Stuttgart musste von den Vertretern aus Nord- und Südbaden wiederholt auf das Vorhandensein des badischen Teils hingewiesen werden.

Die späteren Versuche, eine Zusammenarbeit zu diesem Thema weiter zu etablieren, sind möglicherweise exemplarisch für das gesamte Land Baden-Württemberg. Die Unterstützung der Administration im Rahmen der Mundart-Initiative hatte etwas von den früheren Kindergeburtstagen, bei denen die Schokolade mit Messer und Gabel gegessen werden musste. Der reine Umstand des Herangehens an eine Sache trägt bereits in der Umständlichkeit des Verfahrens zu ihrer Vergeblichkeit bei.

Eine Zusammenarbeit auf der übergreifenden Sachebene scheiterte letztlich an den Schwerpunkten der regionalen Vereine, die verständlicherweise die ihren Mitgliedern und Satzungen mehr verpflichtet sind, als der Idee eines Baden-Württemberg.

Etwas weiter in dieser Entwicklung ist der öffentliche Rundfunk in Form des SWR. Dort hat man aus Effizienz– und Effektivitätsgründen bereits vor Jahren erkannt, dass die kommunalen Zuschnitte bezogen auf die Bundesländer nicht passend sind, und bedient heute eine nicht kongruente Fläche mehrerer Länder wie Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz bis hin nach Nordrhein-Westfalen. Kulturelle Identität oder auch gar Landesidentität ist dabei entweder nicht ausreichend gefordert, mindestens aber unter die Räder gekommen und aus Sicht des öffentlichen Rundfunks mehr oder auch weniger hinfällig.

Eine kuriose Bestätigung all dieser Thesen wurde durch das Land Baden-Württemberg durch die Landes-Initiative „The Länd“ selbst gegeben. Nachfolgend ein Auszug aus einem Essay aus dem Oktober 2021 zur Landes-Initiative „ The Länd“:

Während der vorhergehende Slogan „Wir können alles, nur kein Hochdeutsch“ immerhin einen gemeinsamen Nenner in Gesamt-Baden-Württemberg bilden kann (denn dies gilt für beide Landesteile) ist THE LÄND ein reines Kunstprodukt, mit dem gemeinsamen Nenner, keinen gemeinsamen Nenner zu haben. In einer geradezu unglaublichen Hybris zeigt THE LÄND, dass auch Baden-Württemberg offenbar bis zum heutigen Tag ein Kunstprodukt geblieben ist. Dem ständig viel und hochgepriesenen Föderalismus zum Trotz zeigt THE LÄND eine Entwicklung hin zum Minizentralstaat mit einer gut ausgestatteten und hervorgehobenen Region in und um Stuttgart, die mit der Vernachlässigung der übrigen Regionen erkauft wird.

THE LÄND verkehrt damit den eigentlichen Zweck der Kampagne und stellt in der mittelfristigen Perspektive die Frage nach einer Neuorganisation der Länder. Aus heutiger Sicht ist es völlig unerheblich ob eine abgehobene Kampagne von einer großen Stadt wie Frankfurt oder München geführt wird. THE LÄND oder besser THE SOUTHWEST-AREA hätte aus jeder dieser Städte heraus platziert werden können. Beschränkt man die Verortung der Menschen allein auf Autos, Motorsägen und Maschinenbau sowie anderer industrieller Produkte so wäre tatsächlich der nächste konsequente Schritt aus Effizienz- und Identifikationsgründen schnellstmöglich eine Zusammenlegung der Länder mit Hessen und Rheinland-Pfalz oder gar Bayern anzustreben.

THE LÄND und das ist vielleicht ein positiver Beitrag wird die Emanzipationsbewegungen in den Regionen ungewollt weiter vorantreiben. Die Regionen müssen und mussten ohnehin lernen, ohne die Unterstützung aus Stuttgart zurecht zu kommen. Wer diesen Schritt nicht schafft, wird zunächst kulturell und anschließend wirtschaftlich untergehen.

Es hilft keine Klageführung einer vielleicht sogar der Hinweis auf die vorhandene Diskriminierung oder Vernachlässigung von Regionen oder Landesteilen. Wo kein Kläger wird kein Richter sein und zu oft ist festzustellen, dass das engagierte Eintreten für Rechte oder mehr Selbstständigkeit aus einfacher Bequemlichkeit oder Zurückschrecken vor einem Konflikt auf der Strecke bleibt.

Globalisierung und Digitalisierung sind dabei Beispiele von unaufhaltsamen und bereits fortgeschrittenen Veränderungsprozessen, auf welche die Regionen Antworten finden müssen. Eine Antwort wäre unter anderem das aktive Management der Nachbarschaftsbeziehungen, hier in Baden viel aktiver mit dem Elsass als auch mit den angrenzenden Regionen wie der Schweiz und Hessen, aber auch und nicht zuletzt mit Württemberg.

Dass so etwas funktionieren kann, haben selbst in Coronazeiten die fünf badischen Symposien ab
2019 im Kleinen gezeigt. Die Einladung an die angrenzenden Regionen mit Vernetzung von gleichen Interessen ermöglichte einen Blick über den Tellerrand und brachte alle Beteiligten auch inhaltlich weiter. Wie die Landes-Initiative „The Länd“ zeigt, war man in Stuttgart mit den Veränderungsprozessen trotz massivem Geldeinsatz überfordert und/oder hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

Gleichwohl ist es erforderlich, diese Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten.Wo aber findet die
Diskussion darüber, auch hier in der Region, heute aktiv statt? Hier hatte ich, es sei angemerkt,
mehrfach vorgeschlagen, die „badische Schlafmütz“ jährlich publikumswirksam zu verleihen.

Die Frage bleibt daher am Schluss dieser Betrachtungen, ob es sich überhaupt lohnt, den 70. Geburtstag von Baden-Württemberg zu feiern. Es ist in den letzten 70 Jahren nicht gelungen, die gemeinsame Identität eines solchen Bundeslandes herauszuarbeiten. Und mit Bedauern wird man wohl davon ausgehen müssen, dass es in 70 Jahren auch nicht viel besser damit aussehen wird.

Wird ein Baden-Württemberg überhaupt benötigt? Ist diese Struktur noch zeitgemäß?

Aus wirtschaftlicher Sicht haben sich die mittelständischen und großen Unternehmen im Land spätestens in den letzten 30 Jahren bereits national oder international aufgestellt.

Aus organisatorischer Sicht der kommunalen Verwaltung sind größere Einheiten effizienter. Ob der Kleinstaaterei-Förderalismus hier überhaupt noch einen Sinn macht, wird im Bereich der Schul- und Kultuspolitik seit Jahren ohnehin ständig hinterfragt. Die föderalen Strukturen sind zurecht in
der Kritik und unter vielen Aspekten eher hinderlich als hilfreich

Aus kultureller Sicht ist ein Baden-Württemberg nicht erforderlich. Denn die Metropolregionen wie z.B. Stuttgart oder Rhein-Neckar leben in ihren jeweiligen Identitäten und Strukturen und können auch ohne den Rahmen eines Bundeslandes ihre regionalen Identitäten selbst erhalten. Die strukturschwachen Regionen stehen jedoch vor Herausforderungen, die anzunehmen sind. Stuttgart hat in der Vergangenheit und wird in der Zukunft keine Antwort darauf geben.

In dem Essay zur Landesinitiative „The Länd“ habe ich am Ende die Frage in den Raum gestellt, ob es denn gelingen könne, eine gemeinsame DNA zu Baden-Württemberg zu erarbeiten.

Bis heute hat sich hierzu niemand gemeldet. Und damit beantwortet sich auch die Frage nach der gemeinsamen DNA von selbst. Nach 70 Jahren gibt es sie nicht, und niemand hat wirklich Interesse daran.

Baden-Württemberg ist damit nur eine Zwischenepisode der Geschichte. Gefühlt wie eine Wohnung, in der man eine gewisse Zeit gelebt hat, um bei veränderten Anforderungen in einen andere, vielleicht größere Herberge umzuziehen.

Bleibt zu hoffen, dass man rechtzeitig die Kraft findet, diesen Anforderungen gerecht zu werden, um in einen notwendigen Veränderungsprozess im nationalen und internationalen Wettbewerb eintreten zu können.

An dessen Ende mag damit kein Bundesland Baden-Württemberg mehr stehen. Vielleicht
aber ein vereinigtes Südwestdeutschland, in dem sich starken Regionen mit gestärkten regionalen Identitäten wie Baden und Württemberg wiederfinden.

Es kann nur besser werden.

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