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23.12.2020

Nachruf Hermann Dischinger

In Memoriam: Hermann Dischinger
Er habe sich seines Dialekts geschämt, als er aufs Schönborn-Gymnasium Bruchsal ging, erzählte Hermann Dischinger einmal. Also seiner Eeschdringä Mundart, den der 1944 Geborene in der Östringer Allmendstraße bei den Eltern oder von Großeltern tief in sich aufsog. Er hat ihn zunächst nicht immer aktiv gesprochen, während seiner Schulzeit, als Student der katholischen Theologie, um Priester zu werden oder in München beim Lehramtsstudium von Englisch und Theologie. Damit er in Baden-Württemberg Lehrer werden konnte, beendete er das Studium in Freiburg. Und landete 1972 zufällig wieder in seinem Heimatort, als junger Pädagoge am Leibniz-Gymnasium.
Seine Liebe zu den Verwandten und Menschen im Ort, sein ganz eigener Blick auf die Welt sowie die Heimat auf dem Weg in eine andere Modernität und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprache verdichteten sich in jener Zeit zu einem Quell für Kreativität, aus dem er unablässig schöpfte. Er begann 1980 einheimische Wörter und Wendungen systematisch auf Karteikarten zu sammeln. Das daraus entstehende Östringer Wörterbuch beinhaltete dann 5.000 Einträge. Dischinger entwickelte eine sehr eigene Form der Mundart-Wiedergabe, um möglichst nah am Original zu sein. Doch inhaltlich ist seine Sammlung herausragend und ein Kompendium, das nicht nur eine wichtige südfränkische Quelle für das Badische Wörterbuch an der Universität Freiburg wurde.
Vom Sammler zum Autor, das war Dischingers Weg seit 1989. Er las in den BNN vom Mundartwettbewerb im Regierungsbezirk Karlsruhe, beteiligte sich, in dem er aus einem Spruch seiner Mutter ein Gedicht entstehen ließ – und gewann einen Preis. So beflügelt war neue Sprachlust und Kreativität geweckt. Er reimte gsodd auf gwodd, griff das Jahr und die Jahreszeiten in seinem zur Stadt geworden Östringen auf, brachte seine moralische und zeitkritische Kommentierung ein und war von da an ungeheuer produktiv mit Mundarttexten. „Gedichte 1990 in Östringer Mundart“ hieß noch etwas sperrig sein erstes Buch. Viele weitere folgten, fast im Jahrestakt. Im verlag regionalkultur oder im Eigenverlag veröffentlichte er zunächst, später fand er die Buchheimat beim Info Verlag Karlsruhe und Thomas Lindemann.
Bei „Lindemanns“ sind auch noch vier von rund 20 Werken Dischingers erhältlich. Sie heißen „Leckerbisse“, „Was ich denk“, „Klassetreffe“ (so heißt auch ein legendärer Text) oder Badischer Struwwelpeter, eine freche Fassung des Klassikers. Auch CDs brachte der Gymnasiallehrer heraus, dazu „Gedanken in Wort und Bild“ zum Östringer Jubliäum oder „Denkmal“. Obwohl er nach dem Büchern für seine Enkel ab 2010 nicht mehr veröffentlichen wollte, kamen doch weitere heraus. Wie zuletzt der „Struwwlpeder nur für Erwachsene“. Seine tiefe Liebe zur Heimat und seine klare moralischen Kommentierungen - „Was wichdich isch“ heißt nicht zufällig eine Publikation - kamen beim Publikum sehr gut an. Viele Lesungen und Benefizveranstaltungen machte Dischinger in drei Jahrzehnten. Er war ein alleinerziehender Vater und von der evangelischen Großmutter geprägter kritischer katholischer Religionslehrer, der aus Gewissensgründen später nicht mehr seine Konfession an der Schule vertreten wollte. 2002 ging er in Pension. In seinen ersten Östringer Jahren war er auch mein Englisch- und Klassenlehrer.
Noch 2015 initiierte er Weiterbildung für einen Seniorenkreis und nie hörte er auf für seine „Sproch“ und Dialekte überhaupt zu werben. Sie seien schließlich Teil der Artenvielfalt. Der gern die Welt bereisende Autor und Kunstliebhaber war immer in Östringen daheim, drei Jahre lebte er zusätzlich bei der Tochter auf Mallorca. Seit einigen Jahren kämpfte er gegen eine Krebserkrankung. Und konnte sie nicht mehr besiegen. Am 14. Dezember starb Hermann Dischinger im Alter von 76 Jahren zu Hause in Östringen. Thomas Liebscher



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