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30.09.2020

Dialektorat, ein Beitrag von Pia Oberacker-Pilick

Dialektorat


Überlegungen zum Dialekt-Schreiben und Korrigieren von in badischer Mundart verfassten Texten
ein Beitrag von Pia Oberacker-Pilick

Ich schreibe wenig, und wenn, dann eher nicht im Dialekt. Ich spreche nicht mal einen sauberen Dialekt, und wenn, wäre es der Blankenlocher, wenn es ihn denn gäbe, denn da bin ich aufgewachsen und wurde entsprechend geprägt. Aber schon nach der Grundschule ging es auf die weiterführende Schule in der großen Glitzerstadt Karlsruhe, wo wieder andere dialektale Einflüsse galten, und in der Schule und im Elternhaus wurde doch ein wenig auf Hochdeutsch geachtet – woraus sich dann das übliche Umgangsbadisch entwickelte, ein mundartlich eingefärbtes Nichtganzhochdeutsch, wie es mir heute noch über die Lippen kommt, wenn ich nicht ausdrücklich auf Hochdeutsch umschalte, aus Rücksicht auf Unverständige, Ausländer oder um mir Respekt zu verschaffen. Weil, im Dialekt verschafft es sich nicht so leicht Respekt, es sei denn, man ist schon eine Respektsperson – bei der die Verwendung von Dialekt oder Mundart das Autoritäre eher wieder erträglich macht. Dialekt hat schon tendenziell etwas Niedliches. Unserer jedenfalls. Behaupte ich mal.
Ich schreibe also nicht im Dialekt. Aber mir liegt etwas an unserem Badisch, das es ja in sprachwissenschaftlicher Hinsicht gar nicht so richtig gibt. Und ich habe als Übersetzerin und Lektorin ein gewisses Gefühl für Sprache. Und so macht es mir immer wieder Freude, im Dialekt verfasste Texte zu lesen (sie zu hören, macht noch mehr Freude, auch das eine Eigentümlichkeit dialektaler Literatur). Aber oft juckt es mir auch gleich in den Fingern, ein wenig drin rumzuverbessern, denn nicht immer ist die Umsetzung konsequent. Es ist ja auch schwierig, Dialekt zu schreiben, denn es gibt keine allgemein verbindliche Norm (wenn es sie gäbe -– wollte man sich daran halten? Und wo würde sie gelehrt?).
Eines ist in unserem Dialekt von vorneherein klar: Die Vergangenheit kommt nicht im Präteritum daher. Nobody is perfect, mag sein, aber der Badner isch perfekt, net imperfekt. Manchmal sogar plusquamperfekt. Und so schildert er (sie) Vergangenes in der zusammengesetzten Vergangenheitsform aus Partizip Perfekt und Hilfsverb.
Im Dialekt gibt es immer gewisse Zusammenziehungen und Auslassungen. Da wird es bei der Verschriftlichung bereits sehr, sehr kompliziert: Markiert man jeden ausgelassenen Buchstaben durch ein Auslassungszeichen? Der Text wäre voller Strichlen! Lässt man sämtliche Auslassungszeichen aus? Da wäre manchmal gar nicht mehr erkennbar, wo ein Wort aufhört und das nächste anfängt. Ein Ansatz wäre, Auslassungen innerhalb eines Wortes nicht zu markieren, bei Zusammenziehungen mehrerer Wörter aber wohl: "Do haww'e" (da habe ich); "sie hawwe" (sie haben). Das wirkt aber auch oft gequält; vor allem bei der zweiten Person: "Do kannsch" (da kannst du), "do machsch" (da machst du) – wo soll da ein Auslassungszeichen hin?
Wie sieht es mit "st" und "sp" aus? Es erklingt stets "schd" und "schb"; zwar wird selbst in der Bühnenhochsprache das "st" und "sp" zu "schp" und "scht", aber wir weichen ja dazu auch noch die Konsonanten auf. Schreibt man das voll aus oder verlässt man sich darauf, dass der Leser, die Leserin das schon gefühlsmäßig in seinen eigenen inneren Dialekt umsetzt?
Und dann jene gewissen merkwürdigen Laute, für die es gar keine passenden Buchstaben gibt. Die normale Tastatur bietet keine Lautschriftbuchstaben an, viele Leser würden sie auch gar nicht verstehen. Der Text käme damit viel zu fremdartig daher. Man wird sich mit den vorhandenen Buchstaben begnügen und auf die Umsetzung des Lesers vom Geschriebenen zum innerlich Gehörten vertrauen müssen, und das kann man auch.
Ein "w" für das im Hochdeutschen nicht vorkommende offene "b" (man kennt vielleicht aus dem Spanischen das Phänomen, wo das "v" etwas geschlossen und das "b" etwas ausgefranst gesprochen wird) entspricht vielleicht nicht ganz der Aussprache, zeigt aber, dass man hier eben nicht das hochdeutsche geschlossene "b" hört; die Verdoppelung markiert, dass es nach einem betonten Vokal schnell gesprochen wird (hier kann man sich an der ss/ß-Regelung der neuen hochdeutschen Rechtschreibung orientieren). Was aber macht man mit der nur annähernd mit "oai" zu verschriftlichenden abweichenden Aussprache bei "ei", "eu", "äu" ..., die noch dazu von Lokaldialekt zu Lokaldialekt unterschiedlich ist? Dazu kursiert z.B. in der nördlichen Hardt ein bekannter Spruch, der da auf Hochdeutsch lautet: "Zwei weiche Eier in einer Reihe." Wie hört man das, wie schreibt man das im Dialekt? Etwa: "Zwoi woiche Oier in oinerer Roih"? "Zwai waiche Aier in ainerer Raih"? "Zwoai woaiche Oaier in oainerer Roaih"? Und bei unterschiedlichen "ei"-Varianten in eben diesem einen Satz? "Zwai waiche Aier in oinerer Raih"???
Wie, um Himmels Willen, geht man mit dem palatalen, das heißt dreimal um sich selbst verdrehten Liedolsheimer "L" um? (Gar nicht: Das kann man nur hören, nicht mit normalen Buchstaben schreiben; aber wenn man es in einem süddeutsch eingefärbten Satz gesprochen hört, in Kallsruh oder in Timbuktu, egal wo, weiß man, dass man einen waschechten "Lielser" vor sich hat!)
Und das ist nur eine Auswahl an Schwierigkeiten, mit denen der Dialektschreibende sich auseinandersetzen muss.
Da es keine verbindliche Norm für die dialektale Schreibweise gibt, bleibt es jedem Autor und jeder Autorin weitgehend selbst überlassen, wie die Geschichten vom inneren Ohr über die geschriebene Sprache nach außen transportiert werden. Das heißt, im Unterschied zur "Normschreibweise" muss man sich über die Fragen von Inhalt, Stil und Aufbau hinaus noch mit der Schwierigkeit befassen, eine überzeugende Umsetzung der Laute in Buchstaben zu finden. Man wird zumindest wünschen, dass die gleichen Lautphänomene die gleiche Form haben, wozu dann gehört, eine eigene Systematik zu entwickeln und sich dann auch in jedem einzelnen Fall daran zu halten. Das lenkt wiederum von den gestalterischen Aufgaben ab und kostet viel kreative Energie.
Und hier kommt nun meine Idee eines Dialektorats ins Spiel, das sich der Texte der eigentlichen Dialektschreiber und -schreiberinnen annimmt, deren jeweilige persönliche und lokale Eigenheiten respektiert und dennoch gewisse "einheitliche Vereinheitlichungen" vornimmt, sozusagen die persönliche Systematik der Autoren behutsam in einen größeren Rahmen einpasst. Wenn das den Schreibprozess begleitend geschieht, kann es den Autoren sogar eine große Hilfe sein, sie werden überzeugende Vereinheitlichungen gerne übernehmen, weil sie dann nicht mehr bei jedem Satz überlegen müssen, wie sie den Transfer vom Gesprochenen oder innerlich Gehörten zum Niedergeschriebenen bewältigen sollen. Und für die Leserschaft ist es ebenfalls angenehmer, wenn die Darstellungsweise verlässlich bestimmten phonetischen Erscheinungen zugeordnet werden kann.
Dieses Dialektorat wird wohl häufig ehrenamtlich geschehen, aus dem Freundeskreis der Autorinnen und Autoren oder z.B. aus dem Netzwerk der "Badische Gutsele" heraus; es könnte aber auch angefragt werden, ob es dafür Fördergelder vom Kulturministerium des Landes gibt. Die Autoren ernten hoffentlich Anerkennung, Ruhm und Ehre und eventuell verkaufen sie sogar was; die eher im Verborgenen blühende Pflege der Muttersprache durch sorgfältiges Korrekturlesen könnte und sollte, wie jeder Pflegedienst, ebenfalls und gerne auch finanziell honoriert werden. Den Autoren, die oft im Eigenverlag veröffentlichen oder in Kleinverlagen, die kein so schwieriges wie ein dialektales Lektorat leisten können, ist dieser finanzielle Aufwand nicht zuzumuten. Da mit solchen Fördergeldern eher nicht zu rechnen ist, könnte auf der Seite der "Badischen Gutsele" eine kleine Hilfestellung angeboten werden. Einen Anfang dazu möchte ich mit meinen unten stehenden Vorschlägen machen und bitte hiermit um Ergänzung, eventuell auch speziell im Hinblick auf lokale Dialekte.
Denn unbedingt muss das "subversive Element" des Dialekts erhalten bleiben. Angestrebt werden soll keine verbindliche badische Norm. Das geht ja auch gar nicht, sind doch im "gepflegten Dialekt" gerade auch lokale Unterschiede vorhanden. Aber Autoren könnten, angeregt von der angebotenen Zusammenfassung, versuchen, für sich eine stimmige Linie zu finden und dann zum Beispiel den Leuten, die sie bitten, "mal eben drüberzugucken" (man muss sie ja nicht gleich abschrecken mit dem Hinweis, wie difizil das Korrekturlesen sein kann), eine Liste geben mit ihren Entscheidungen zu besagten Phänomenen. Bzw. Dialektoren könnten "ihren" Autoren die ort(h)ographische Gretchenfrage stellen: "Wie hältst du's mit ...?" Das Resultat wäre weniger Kuddelmuddel, das vom reinen Genuss des dialektalen Sprachkunstwerks ablenkt.
Nicht lektorierte Texte, gerade im Dialekt, sehen nämlich oft aus wie Kraut und Rüben. Das trägt nicht dazu bei, das Image der Dialektliteratur zu heben.

Welche – individuell variablen – "Rechtschreibregeln" könnten nun als Basis eines solchen dialektalen Lektorats bzw. zur Erleichterung der Niederschrift für die Kreativen dienen?

Ich möchte hier einige Punkte vorschlagen, die unbedingt der Diskussion und der Ergänzung bedürfen:
1. Für die Vergangenheit stets zusammengesetzte Formen, also Perfekt und Plusquamperfekt.
1a. Partizip Perfekt. Hier gibt es große lokale Unterschiede, es sei nur an den Liedolsheimer Spruch erinnert: "Lielse gewest, Schimmele gritte, runner gfalle, hi gewest" (meine als Erstsemester darüber verfasste Untersuchung ist leider verloren gegangen, aber es waren tatsächlich bestimmte Konsonanten – nur welche? – nach der Vorsilbe "ge", die .den Ausfall provozierten bzw. das "e" bewahrten). Wann fällt das "e" aus? Wann bleibt es erhalten? Autoren sollten hier genau in sich hineinhören, welche Form für sie stimmig ist. Wie das Liedolsheimer Beispiel zeigt, ist hier nicht zwangsläufig eine generelle Entscheidung möglich.
2. Bei Auslassung von Buchstaben innerhalb eines Wortes keine Auslassungszeichen.
3. Bei Zusammenziehung von Wörtern markiert Auslassungszeichen den Übergang von einem Wort zum anderen.
4. Für die Aussprachevarianten von "ei, ai, äu, eu, oi ..." welche Schreibung? Evtl. auch "oai" verwenden, konsequent dabei bleiben.
5. Für das offene "b" (labiodentaler Frikativ?) neben der Schreibung als "b", "bb" auch "w" und "ww", dann konsequent anwenden (z.B. "Buben" als "Bube", "Buwe", "oben" als "obe", "obbe, owe, owwe"?).
6. Achten auf die Schreibung der Schwa-Laute bei Wortendungen wie -en, -er, etc. (z.B. "oder, wieder, Vater, Mutter" als "odda, widda, Vadda, Mudda"? "Vadder, Mudder"?) Und wie wird die veränderte Aussprache von hochsprachlichem "ü" dargestellt? Als "ü", als "i" (z.B.: "zurück" als "zrick, zrück")?
7. Hochsprachlich "sp, st, ..." – wie wird die dialektale Aussprache dargestellt? Falls "schp, scht, ..." oder "schb, schd ..." (z.B. "Straße, Spielplatz" als "Stroß, Schtroß, Schdroß; Schpielplatz, Schbielblatz" ...?) Jedenfalls konsequent anwenden.
(die Aufzählung müsste fortgeführt werden)

Nicht zuletzt, eher zuerst, müsste man einmal zusammentragen, was es dazu einerseits bereits an theoretischen Schriften gibt und wie das Problem andererseits praktisch von erfahrenen Schriftstellern gehandhabt wird, selbst auf die Gefahr hin, dass man auf diese Weise ein wenig die unmittelbare und von Theorie ungetrübte Freude am unschuldigen Dialektgenuss verliert. Auf einer höheren Ebene, das lehrt jeder durchlaufene Lernprozess, stellt sich danach ein tieferer Genuss ein. Das Rad jedes Mal neu zu erfinden zeugt zwar von Kreativität, aber man darf keine Bewunderung dafür erwarten. Lieber steckt man seine Energie in gute Plots und geistreiche Formulierungen.



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