Badische Gutsele
präsentiert von un im badischen Blog (c) 2019-2020



Neuigkeiten


Zurück zur Übersicht

02.08.2020

Vom (Un-)Glück ein (Nord-)Badener zu sein

Zur Vorbereitung auf den Bericht "Zur Lage der Dialekte in Nordbaden" diente folgendes Essay, das uns die Gemütslage der Nordbadener näher bringen soll. Viel Spaß beim Lesen.
vom Thomas Heitlinger



Vom (Un)Glück ein (Nord)Badner zu sein.
© Thomas Heitlinger 2020
Um die badische Seele zu begreifen, braucht es mehr als einen oberflächlichen Blick oder eine einzige Begegnung. Die badische Seele ist tief- und abgründig, tief verschlossen und misstrauisch all dem Fremden und Neuen gegenüber, das sich ihr auftut.
Das liegt sicher an der Geschichte Badens, an der Zerrissenheit und dem Wiederzusammensetzen des Landesteil, an Größe und dem zum Teil selbst verschuldeten Fall, an niedergeschlagenen Revolutionen und Hoffnungen, am eigenen Anspruch und der oft grausamen Wirklichkeit.

Aus der Erfahrung heraus ist der Badener daher eher zurückhaltend, denn mit einer entgegen gebrachten Offenheit wie es zum Beispiel dem Rheinländer üblich ist, hat man zu oft schlechte Erfahrungen gemacht.
Auch gibt es kein überbordendes Selbstbewusstsein, wie bei den Bayern, die
auf ein Jahrhunderte altes geeinigtes Gebiet zurückblicken können.
Sondern man hat eher die Erinnerung des immer wieder neu zusammengesetzten Flickenteppichs und selbst die Freude des
Zusammensetzen ging wie bei Napoleons Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem schmerzhaften Blutzoll der jungen badischen Soldaten in der französischen Armee und ihren Niederlagen einher.
So ist der Badener sehr vorsichtig in den ersten Kontakten, fast schüchtern, aber schüchtern ist der falsche Eindruck.
Denn erst wenn der Erstkontakt geendet hat, tritt der wahre Charakter hervor. Der Bruddler und auch der Neider, der im Nachhinein alles besser weiß und der mit nichts, vor allem nicht mit sich selber zufrieden ist.

Den im Grund wäre man schon gerne etwas mehr. Vielleicht Landeshauptstadt. Oder gar gleichberechtigter Landesteil. Oder mondäner Trendsetter, wie es Karlsruhe in mehreren Zeiten wie zur Gründung unter Karl-Wilhelm oder zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich einmal
gewesen war. Oder König und auch da hat es nur zum Großherzog gelangt. Oder mindestens beim Fußball erstklassig. Aber ach, auch da ist kein Hoffnungsschimmer am Horizont zu erkennen. All diese Zeiten sind Vergangenheit und kommen zum Leiden der Badener wohl nie mehr zurück.
So ist diese Zurückhaltung zu erklären. Auch das Verhältnis zu den Nachbarn, den Württemberger oder den Pfälzer, die vor strotzendem Ich den Badener gar nicht Wahrzunehmen in der Lage sind.
Und über die der Badener gleichwohl gerne Witze macht, aber erst, wenn sie weg sind und auch nur um sein Minderwertigkeitskomplex zu kompensieren.
So ist auch zu erklären, dass unsere badischen Landsleute in tiefe empfundene Ehrfurcht verfallen, wenn ein hochdeutsch sprechender Mensch sich zufällig in ihr Gebiet verirrt. Sie werden ihn alsbald
zu ihrem Anführer wählen, zum Vorsitzenden oder auch zum Bürgermeister, ungeachtet jeder Ratschläge oder auch gegen jedwede Vernunft!
Die Konsequenzen können schrecklich sein. Möglicherweise ist die Entscheidung, die kürzeste und auch teuerste U-Bahn der Welt in Karlsruhe zu bauen der Einfall eines Hochdeutsch sprechenden
Menschen gewesen, dem man vor Bewunderung nicht zu widersprechen wagte.
In diesem Sinne ist auch das Verhältnis zum Dialekt einzuordnen. Unter sich wird gerne Dialekt gesprochen, sicher auf dem Lande noch etwas mehr. Bei offiziellen Anlässen bemüht man sich jedoch gewaltig, sich von sich selbst sprachlich zu distanzieren, auch und gerade wenn das Ergebnis
vor lauter Grausigkeit kaum anzuhören ist.
So einfach ist die badische Seele zu erklären. Und doch irgendwie ein bisschen schade. Finden Sie
nicht auch?

 Vom Unglück ein Badner zu sein.pdf


Zurück zur Übersicht